Volksstimme: Vom Schreitenden und mystischen Augen – Studenten leben ihre Ideen in Olvenstedt aus

admin 30. Juni 2012 0
Kunstprojekte bereichern den Marktbereich von Olven I /
Interview mit Professor Ulrich Wohlgemuth
Vom Schreitenden und mystischen Augen – Studenten leben ihre Ideen in Olvenstedt aus
(Volksstimme 28.06.2012)
Student Christian Motsch tat es dem Schreitenden gleich und überquerte auf einer Pappkonstruktion den Brunnen. | Foto: Marco Papritz
Seit einigen Wochen haben aufmerksame Beobachter pinkfarbene Tierskulpturen und leuchtende Augen im Marktbereich Olven I entdecken können. Hinter den Aktionen stecken Industriedesign-Studenten, die sich mit Unterstützung des Stadtteilbüros dort ansiedelten.
Volksstimme-Redakteur Marco Papritz sprach mit Professor Ulrich Wohlgemuth über die Hintergründe.
Volksstimme: Herr Wohlgemuth, ein Studium mitten in Olvenstedt, wie kommt dies zustande?
Ulrich Wohlgemuth: Die Projekte, die wir hier umsetzen, gehören zum Fach „Kreativitätstechniken“. Ich vertrete im Moment Prof. Marion Meier, die sonst in diesem Bereich tätig ist. Kreativitätstechnik ist ein wichtiger Teil, um neue, unkonventionelle Ideen zu entwickeln. Marion Meier hatte damit angefangen, in der Stadt Orte zu suchen, die interessant sind und in denen man die Studenten auf eine Situation ansetzen kann, aus der heraus sie überlegen, wie sie dort etwas Spannendes gestalten können.
Volksstimme: Womit beschäftigt sich ein Industriedesigner?
Ulrich Wohlgemuth: Industriedesigner sind Produktentwickler, deren besonderer Fokus auf den Interessen der Nutzer beruht. Sie kümmern sich auch um Aussehen und Funktionalität von Produkten. Die Tätigkeit bezieht sich auf physische wie auch virtuelle Produkte.
Volksstimme: Welchen Reiz übt Olvenstedt aus, warum fiel die Wahl auf diesen Stadtteil?
Ulrich Wohlgemuth: Hier findet man ein interessantes Feld vor, da ein Umbruch zu erleben ist, der sehr abrupt, kurzfristig und fast dramatisch abläuft. Objekte, die vor fast 20 Jahren unter rest-sozialistischen Bedingungen Vorzeigeobjekte waren, sind auf einmal nicht mehr so interessant. Es gibt Leerstand und demzufolge wird zurückgebaut und abgerissen. Das bedeutet auch, dass Dinge, die künstlerisch, historisch und gestalterisch interessant sind, verschwinden. Das kann etwas locker als Geschichtsdemenz bezeichnet werden: Es ist so, dass Dinge, die jüngeren Datums sind, als weniger wertvoll und wichtig angesehen werden als ältere. Die jüngste Geschichte wird eher nicht als interessant angesehen.
Volksstimme: Ihre Gruppe hat während des Sommerfestes am Sonnabend ein Projekt vorgeführt, bei dem es galt, mittels Pappkonstruktion als eine Art Brücke über Wasser zu schreiten. Worum ging es da?
Ulrich Wohlgemuth: Als wir am Anfang des Semesters hier in Olvenstedt begonnen haben, fand ich zwei Dinge besonders wichtig: Zum einen, dass wir Ideen entwickeln, die sich mit den Fliesenspiegeln an der Marktbreite an den mittlerweile abgerissenen Gebäuden befassen. Und zum anderen, dass sich im Brunnen in Olven I, quasi dem Zentrum hier, Wasser befindet. Zur langen Nacht der Wissenschaft gab es einen Brückenschlagwettbewerb, bei dem unsere Studentengruppe den zweiten Platz belegte. Das Projekt wollten wir hier noch einmal inszenieren, weil über Wasser zu gehen mittels einer Pappröhrenkonstruktion schon etwas Besonderes ist.
Volksstimme:Die Kunst der Fliesen, die Sie erwähnten, ist in Olvenstedt vom Aussterben bedroht. Was ist das Besondere an dieser Kunst?
Ulrich Wohlgemuth: Ich kenne eine ganze Reihe von Künstlern, die damals diese Fliesenspiegel entwickelt und umgesetzt haben, sehr gut. Bruno Groth, mit dem die Objekte im Plattenwerk entstanden sind, lebt hier. Das sind sehr gute Arbeiten, die damals mit den industriellen Fertigungsmethoden kombiniert mit den Plattenbauten entstanden sind. Es war einer der seltenen Fälle, bei denen die Kunst in die Fertigung der Architektur mit eingebunden wurde. Es gibt noch mehr Beispiele für diese Kunst, aber die Fliesenspiegel waren das Interessanteste.
Volksstimme: Warum?
Ulrich Wohlgemuth: Beim Starten unseres Projektes hier konnten wir zuschauen, wir eben jene Gebäude weggerissen wurden, an denen sich die Objekte befanden. Es war fast nicht möglich, solche Fliesenspiegel zu retten. Da es weitergeht mit dem Rückbau, gilt es Ideen zu entwickeln, wie sie in einem anderen Kontext in Olvenstedt platziert werden können, damit sie beim Abriss geborgen werden.
Volksstimme:Die Studenten haben die leer stehenden Büro- und Geschäftsräume im Marktbereich von Olven I mit Kunst gefüllt.
Urich Wohlgemuth: Es galt, etwas Spannendes, Anregendes, Verblüffendes und Inspirierendes zu entwickeln, wie die Ladengeschäfte, die wie tote Augen auf den Platz schauen, genutzt werden können. Ein Projekt befasst sich mit dem Fünfgeschosser, in dessen Fenster die Studenten große Augen aus Farbe geklebt haben, die sich am Tage auflädt und nachts leuchtet. So beginnen die toten Augen nachts mystisch zu gucken. In der Fleischerei wurden Hirsch- und Rehskulpturen in der Farbe Pink installiert. Außerdem gibt es noch eine Reihe von Fotoinstallationen und im ehemaligen Reisebüro zahlreiche Papierflieger.
Volksstimme: Aus dem Wort „Olve“ haben die Studenten ein anderes, sehr schönes geschaffen.
Ulrich Wohlgemuth:… genau, nämlich LOVE, also Liebe. Es ist ein sehr schönes Logo entstanden mit einem herumgedrehten „L“. Das hat etwas, was Sympathie schaffen soll für diesen Stadtteil, der offensichtlich ein Imageproblem hat. Mit solchen leichten, witzigen, überraschenden Elementen soll etwas Leichtigkeit hereingetragen werden. Damit wird man nicht grundsätzlich das Image wandeln können. Aber das ist vielleicht ein kleiner Beitrag.
Volksstimme: Um es in der Schulsprache zu sagen, es ist niemand der Studenten versetzungsgefährdet.
Ulrich Wohlgemuth: Nein, absolut nicht. Es ging darum, Leben in den Freiraum hineinzubringen. Und das haben die Studenten sehr gut geschafft. Sie haben Angebote entwickelt, die den einen oder anderen interessieren könnten. Die Projekte in der Vergangenheit haben gezeigt, dass das offensichtlich eine Initialzündung auslösen kann.
Volksstimme: Wie in Buckau, wo Marion Meier mit Studenten gastierte, wenn man das so sagen kann.
Ulrich Wohlgemuth: Dort ist mittlerweile eine Kreativszene entstanden. Ein Teil früherer Studenten, die sich an einem der früheren Projekte beteiligt hatten, betreiben dort Ladengeschäfte. Eine der ersten Aktionen, die im Rahmen des Studienganges gestartet wurde, befasst sich mit dem Turm im Rotehornpark, mit dem niemand etwas so richtig anzufangen wusste. Ich will nicht sagen, dass es aufgrund der Aktionen der Studenten nun ein saniertes Objekt ist, das heute Albinmüller-Turm heißt. Das sicherlich nicht. Aber die Projekte und Aktionen der Studenten geben einen gewissen Schub.

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